Als alte Musik plötzlich wieder neu war
Berlin, 11. März 1829. Vor Chor und Orchester steht ein gerade einmal 20-jähriger Dirigent: Felix Mendelssohn Bartholdy. Auf dem Pult liegt Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion – ein Werk, das nahezu hundert Jahre zuvor entstanden und seit Jahrzehnten nicht mehr öffentlich erklungen war. Die Aufführung wurde zum Ereignis. Bach war zwar nie völlig vergessen gewesen: Musiker kannten und studierten seine Werke weiterhin. Doch durch Mendelssohn wurde seine Musik wieder Teil des öffentlichen Konzertlebens. Plötzlich erschien die Vergangenheit nicht mehr als abgeschlossen – sondern als etwas, das die Gegenwart neu befragen konnte.
Mendelssohn war damit nicht allein. Im 19. Jahrhundert beschäftigten sich Komponisten intensiv mit der Musik früherer Epochen. Brahms sammelte und studierte Werke von Palestrina, Bach und anderen alten Meistern. Rheinberger verband kunstvollen Kontrapunkt mit der Wärme und Ausdruckskraft der Romantik. Und César Franck liess auf der Orgel aus der alten Idee des Chorals monumentale, ganz und gar romantische Klangwelten entstehen. Pierre Villette fand in der umbruchreichen Zeit der 1950er Jahre eine eigene, auf barocken Ausdrucksmitteln basierende Ausdrucksform. Sie alle blickten zurück – aber keiner von ihnen schrieb bloss Vergangenheit nach. Die alten Formen wurden vielmehr zu einer Sprache, in der sich Neues sagen liess. Genau diese Verbindung macht auch unser Programm «Abendlied» hörbar. Palestrina und Bach stehen darin nicht nur wie ehrwürdige Ahnen neben Mendelssohn, Brahms oder Rheinberger. Ihre Musik wirkt in den späteren Werken weiter: in der Führung der Stimmen, im Umgang mit Raum und Stille, in der Spannung zwischen Klarheit und Ausdruck.
Wenn Tobias Willi an der Orgel Bach und Franck gegenüberstellt und die Zürcher Sing-Akademie durch fünf Jahrhunderte Chormusik führt, wird aus einer langen historischen Strecke plötzlich eine unmittelbare Begegnung. Denn musikalische Tradition bleibt nicht lebendig, indem jede Generation gleich klingt. Sondern indem jede Generation neu hinhört.
ABENDLIED
11. Oktober 2026, 17 Uhr
Kirche St. Peter Zürich
Zürcher Sing-Akademie
Tobias Willi, Orgel
Stephen Layton, Leitung



























