Entfloh’n der Erde Wahn
Entfloh’n der Erde Wahn

Entfloh’n der Erde Wahn

Zürcher sing-Akademie

IVANA GAVRIC

KLAVIER

ANDREAS FELBER

LEITUNG

Der Maihof Luzern

Luzern / Schweiz

Sonntag

2 Oktober 2016

17:00 Uhr

Billette:

Kat. I        45 CHF    30 CHF

Kat. II       35 CHF    24 CHF

Kat. III      25 CHF    17 CHF

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(chF 1.00/minute)

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Romantische Herbstkonzert

Entfloh’n der Erde Wahn

Im Herbst 2016 gab der Kammerchor der Zürcher Sing-Akademie drei Konzerte unter der Leitung seines neuen künstlerischen Leiters ad interim, Andreas Felber. Dieser hatte ein beeindruckendes Programm mit romantischen Werken und einem Auftragswerk des deutsch/Schweizer Komponisten Burkard Kinzler konzipiert, mit einer wichtigen Gastrolle für Pianistin Ivana Gavrić.

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2 Oktober 2016Seite drucken

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ehnsucht, eine tiefe Sehnsucht erfüllte nicht nur den Textdichter Lenz Lorenzi, sondern auch Hugo Wolf, als er 1876 diese Worte in seinem Grablied vertonte. Ganze Generationen wurden von dieser Sehnsucht erfasst, die weit über das Streben nach Vollendung, nach Ruhe, fester Ordnung und Klarheit hinausging. Man war der festen Überzeugung, der Sehnsucht nach dem verlorengegangenen «goldenen Zeitalter» Ausdruck verleihen zu müssen, ebenso wie dem Leiden ob des verlorenen Glückszustandes, um dann ein besonderes Augenmerk auf die Erlösung vom Leiden zu richten. Dabei gerieten Emotionen natürlich in besonderem Masse in den Fokus der künstlerischen Auseinandersetzung – und damit auch die Liebe als einem der stärksten menschlichen Gefühle. «Romantische Motive» fanden Dichter und Komponisten aber nicht nur im Leidenschaftlichen, Gefühlvollen oder eben auch Schaurigen, Unterbewussten, Fantastischen, Abenteuerlichen und Individuellen. Sie fanden sie auch in der Natur. Insbesondere die Jahreszeiten des Übergangs, Frühling und Herbst, zogen die Künstler in ihren Bann.

Auch die Fünf Gesänge op. 104 von Johannes Brahms handeln von Liebe, aber auch von verlorener Jugend, dem Verwelken der Natur und schliesslich der Sterblichkeit des Menschen. Dieser Zyklus ist ein ausgesprochen persönliches Werk des Komponisten, der 1888, als er diese fünf Stücke beendete, «im Herbst des Lebens» stand. Es sind knappe, hochgradig differenzierte und ausdrucksvolle Sätze, in denen Brahms durch Chorteilungen, seine Harmonik und motivische Arbeit einer melancholischen Stimmung Ausdruck verleiht, die sanft-schwermütig ist und mitunter als fast impressionistische Klangwirkungen gehört werden können. Über die Uraufführung des letzten Stücks « Im Herbst » am 3. März 1887 durch den Hamburger Cäcilien-Verein schreibt Emil Krause im Hamburger Fremdenblatt: «Der Dirigent und seine Singenden dürfen stolz darauf sein, dass Brahms diesem Concert ein Manuskript widmete. […] Das Absterben der Natur in poesiereicher, ergreifender Weise mit dem Dahinscheiden des Menschen verglichen, findet eine überwältigende musikalische Verbildlichung».

Brahms hat hier also eine romantische Musik «par excellence» geschaffen, die mit ihrer innigen Textbezogenheit das schafft, was Ãstheten der Zeit nur in der Instrumentalmusik für möglich hielten: sie öffnet den Geist – und entspricht damit der Definition des Romantischen von Novalis («Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.») auf wunderbare Weise.

Ausser Max Kalbeck, der eng mit Brahms befreundet war, aber zu op. 104 nur meinte, es fehle «die Natürlichkeit der Empfindung, die Frische des Tones und die Einfachheit des Tonsatzes», fand und findet die Zuhörerschaft Einigkeit bei der Beurteilung und Bewertung des Werkes. Die Aufführungen der Fünf Gesänge hinterlassen bis heute im Publikum tiefen Eindruck, berühren emotional, auch wenn – oder vielleicht gerade weil – es um Dinge geht, die in der heutigen Lebenswirklichkeit lieber verdrängt werden. Auch heute noch öffnen sich beim Hören dieser Musik Horizonte. Das allein könnte schon genügen. Zufrieden mit dem zahlreich vorhandenen, bewährten Repertoire der Chormusik hat man ja schon genug damit zu tun, dieses einer möglichst breiten Zuhörerschaft lebendig zu erhalten. Die Zürcher Sing-Akademie allerdings ist neugierig – und sieht sich in der Verantwortung, auch neuem, zeitgemässem Repertoire einen Weg an die Öffentlichkeit zu bahnen.

In Burkhard Kinzler hat sie einen Komponisten gefunden, der die Auseinandersetzung auch mit Ikonen wie Brahms nicht scheut und trotzdem seinen ganz eigenen Weg geht. Deshalb war der Kompositions-Auftrag der Zürcher Sing-Akademie für ihn von Anfang an spannend. Die Herausforderung, ein Werk zu schaffen, das nicht nur Bezug auf die Fünf Gesänge von Brahms nimmt, sondern auch explizit eine aktuelle (musikalische) Sprache für das in ihnen wohnende romantische Ideengut finden soll, nahm der Winterthurer Komponist hochmotiviert an.

Geschaffen hat Kinzler nun kein Werk, das den Fünf Gesängen von Brahms einfach an die Seite gestellt werden kann. Geschaffen hat er Herbstsynkopen, die den Fünf Gesängen innewohnen. Er stellt dem Werk den Gedanken voran, der zentral bei Brahms ist und bei ihm selbst die musikalische Idee ausgelöst hat. Mitauslösend waren auch die behutsamen, vorsichtig tastenden Gedichte von Andrea Maria Keller, einer Schweizer Autorin, die in letzter Zeit immer grössere Beachtung findet. Der Gedichtband «Mäanderland» (2013 bei der Edition Howeg in Zürich erschienen), in dem die «Herbstsynkopen» enthalten sind, fiel Kinzler zufällig in die Hände – eine glückliche Fügung.

Epigrammatisch kurz formuliert Andrea Maria Keller die Gedanken von Verwelken und Entfalten, und Kinzler folgt diesem Text eng. Er folgt auch Brahms, indem er das h-Moll von Nachtwache I zumindest andeutungsweise antizipiert, ausserdem kleinste Sprengsel kanonischer Technik einsetzt, die für Brahms in den Fünf Gesängen auch nicht unwichtig war. Wie Andrea Maria Keller tastet sich Kinzler weiter und lässt mit seiner Musik Verwelken und Entfalten erklingen, um dann schliesslich in den letzten Klang hinein das erste Stück von Brahms beginnen zu lassen. Praktisch übergangslos, könnte man meinen. Aber es sind gerade diese Übergänge, denen Kinzler eine grosse Aufmerksamkeit schenkt. Dabei offenbart er nicht nur eine grosse Achtsamkeit vor dem Überlieferten, sondern bietet eine Chance für den Hörer, den Entfaltungsmöglichkeiten neuer musikalischer Ausdrucksmittel vorbehaltlos zu begegnen.

Es ist hier also nicht nur die Gegenüberstellung von alter und neuer Musiksprache, sondern eben auch das Verwischen von Grenzen zwischen alt und neu, das dazu beiträgt, neue Horizonte zu eröffnen. Manches Mal ist es fast unmöglich zu entscheiden, wann Kinzler aufhört und Brahms beginnt – ein kleiner Hinweis, dass auch zeitgenössische Musiksprache ganz intuitiv verständlich sein kann. Und: auch heute noch kann man «romantisieren» im Sinne von Novalis.

Mit Robert Schumanns « Zigeunerleben » und « An die Sterne » wird das Spektrum dieses Konzertes quasi «aufgerissen». Nicht die Lebenswirklichkeit der Roma, die Schumann und seine Zeitgenossen noch völlig unbefangen als «Zigeuner» bezeichnen konnten, ist hier Quelle der Inspiration. Davon, dass das Leben auf der Landstrasse alles andere als lustig war, dass Verfolgung und bitterste Armut zum Weiterwandern antrieb – davon wollte man nichts wissen. Umso intensiver gab der Textdichter Emanuel Geibel (1815–1894) sich dem Sog der Illusion von Freiheit und Ungebundenheit hin und evozierte entsprechende romantisierende, idealisierte Bilder: Vom «blitzenden Aug», vom «wallenden Haar» ist die Rede, er lässt die Männer «ums lodernde Feuer» lagern, wo «Sagen und Lieder ertönen im Rund» und wo «schwarzäugige Mädchen» tanzen. Auch wenn sie «aus der glücklichen Heimat verbannt» sind: kein Problem, denn «sie schauen im Träume das glückliche Land».

« Zigeunerleben » op. 29 Nr. 3 stammt aus dem produktiven «Liederjahr» 1840. Schumann arbeitet hier mit einer selbstständigen Klavierbegleitung und mit solistischen Einwürfen, was die Intensität dieses ausgesprochen farbigen Stückes noch steigert.

« An die Sterne » macht die Sehnsucht nach einem fernen, besseren Leben in seinen ruhigen, schwebenden Klängen hörbar. Angesichts der öffentlichen Wirren, die in Dresden 1849 herrschten, und die sogar dazu führten, dass Schumann zusammen mit seiner Frau und der ältesten Tochter durch das Gartentor flüchten mussten, um einer gewaltsamen Rekrutierung zu entgehen – angesichts dieser aufreibenden Umstände mag eine solche Komposition erstaunen. Für Schumann war sie jedoch ein Zufluchtsort, eine Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen.

« An die Sterne » gehört zu den wohl ambitioniertesten weltlichen Chorwerken von Schumann. Zusammen mit drei weiteren doppelchörigen Gesängen sind sie 1849 entstanden, jedoch erst 1858 posthum als op. 141 veröffentlicht worden.

« Es ist verraten » komponierte Schumann ebenfalls 1849, wurde aber schon zu seinen Lebzeiten immer wieder aufgeführt. Schumann selbst prophezeite diesen Erfolg bereits nach der ersten Probe des Spanischen Liederspiels, zu dem « Es ist verraten » gehört: «Ich glaub, es werden dies meine Lieder sein, die sich vielleicht am weitesten verbreiten».

Margit Klusch

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